Kohlenstaub

Video von einer Lesung in St. Reinoldi, Dortmund:

http://www.youtube.com/watch?v=E13VcRnsUrs&feature=youtu.be

Leseprobe:

EINS

»Schwester Gerlach, glauben Sie an die unbefleckte Empfängnis?«
Mein Pfarrkollege Kruse baute sich breitbeinig vor mir auf und grinste. Auf diese Frage gab es kaum eine passende Antwort. Kruse erwartete auch gar keine, ihm ging es offensichtlich darum, mich zu provozieren. Trotzdem enthielt die Frage einen ernst zu nehmenden Kern, denn Kruse zweifelte an meiner Rechtgläubigkeit und, schlimmer noch, an meiner Berechtigung, das Pfarramt auszuüben.
»Einem Weibe aber gestatte ich nicht, dass sie lehre«, hatte er mir bei meiner Einführung zugezischt, einen Vers aus dem Neuen Testament. Das sei weder in der Bibel noch in der Kirchengeschichte vorgesehen. Dabei ignorierte er, dass wir das Jahr 1965 schrieben und Frauen inzwischen in fast allen Berufen ihren Mann standen. In Dortmund war ich nun als erste Pastorin in eine evangelische Kirchengemeinde gewählt worden.
»Du bist ein Pionier«, hatte meine Amtsschwester Rosi erklärt. »Ich bin stolz auf dich!« Sie selbst war in der Altenheimseelsorge tätig.
Mit der linken Hand winkte mir Kruse noch einmal lässig zu. Dann öffnete er die Tür seines hellgrauen NSU Prinz und schob seinen runden Leib hinter das Steuer. Er sah aus wie der Fernsehmann Werner Höfer, allerdings viel dicker. Kruses Pfarrhaus lag zwar nur wenige Straßen entfernt, doch er ging niemals zu Fuß, wenn er auch fahren konnte.
Zu Hause erwartete ihn die ebenfalls wohlbeleibte Gattin mit einer kohlehydrat- und fettreichen Mahlzeit, vermutlich Kotelett, Kohl, Kartoffeln und eine Flasche Dortmunder Union zum Samstagabend.
»Und lesen Sie fleißig den Apostel Paulus, liebe Schwester!«, rief Kruse mir aus dem offenen Autofenster nach. »Sie erinnern sich: Das Weib schweige in der Gemeinde!«
»Dann predigen Sie morgen doch selbst«, hielt ich mit halblauter Stimme dagegen, aber das bekam er nicht mehr mit, weil er schon Gas gegeben hatte. Was bildete Kruse sich ein? Reichte es nicht, dass er meinem Kollegen und mir eine Dienstbesprechung am Ostersamstagnachmittag aufs Auge gedrückt hatte? Von einem, der seine Ehefrau »Mutti« nannte, ließ ich mir nicht vorschreiben, welchen Beruf ich ausüben durfte. Wenn er der Meinung war, Frauen gehörten an den Herd und nicht auf die Kanzel, dann war das sein Problem. Leider stand er mit seiner Meinung nicht allein da.
»Sie wissen, dass nicht alle so denken?« Unbemerkt war Pastor Hanning näher getreten, mein zweiter Kollege in dieser Kirchengemeinde am Rande der Dortmunder Innenstadt. Er war ein schmaler Mann um die vierzig, der seine Geheimratsecken unter einem schwarzen Hut verbarg. Seine großen Augen hinter den Brillengläsern hatten wie immer einen leicht erstaunten Ausdruck. Ich schätzte Hanning als netten und zurückhaltenden Menschen. Leider konnte er sich häufig nicht gegen Kruse durchsetzen. So war auch sein Einspruch gegen den Zeitpunkt unserer Dienstbesprechung wirkungslos geblieben. »Natürlich weiß ich, dass die meisten mich akzeptieren«, erwiderte ich und senkte verlegen den Blick. Ich war mir unsicher, wie ich ihn ansprechen sollte. Die männlichen Kollegen duzten einander, doch mir hatten sie diesen vertraulichen Umgang nicht angeboten. Und so hatte ich die Wahl zwischen »Bruder Hanning« und »Herr Hanning«.
Ersteres klang merkwürdig, Letzteres sehr distanziert. »Sie sind uns eine große Hilfe in der Gemeinde. Ich habe mich seinerzeit sehr für Sie verwendet. Sie haben mich nicht enttäuscht – wenn ich das so ausdrücken darf. Insbesondere unser Frauenkreis hat sich lobend geäußert«, fügte er etwas steif hinzu. Hanning wirkte genauso verlegen, wie ich mich fühlte. Suchte er ebenfalls nach der passenden Anrede, oder hatte seine Scheu damit zu tun, dass er, der Junggeselle, mir als lediger Frau gegenüberstand? Als bekannt wurde, in welcher Gemeinde ich arbeiten wür- de, hörten einige der Amtsbrüder schon die Hochzeitsglocken läuten. »Eine Pastorin? Keine Sorge«, beruhigten sie den aufgebrachten Kruse.
»Das heiratet sich weg, das Problem. Dein Kollege ist doch noch zu haben, nicht wahr? Da wird sich schon etwas ergeben …« Sicher hatte auch Hanning von diesen Gerüchten gehört. Eine peinliche Pause entstand. Dann lupfte Hanning seinen Hut.
»Ich muss mich jetzt leider verabschieden«, kündigte er an. »Ich kann meine Mutter nicht länger alleine lassen. Auf Wiedersehen morgen im Gottesdienst.« Ich sah ihm nach und zog mir den Mantel fester um die Schultern; obwohl bereits Mitte April, war es sehr kalt. Jetzt, in den späten Nachmittagsstunden, kühlte es noch weiter ab. Wenn ich mich beeilte, schaffte ich es noch bei Tageslicht durch den Westpark bis zu meinem Pfarrhaus am Rande der Dortmunder Innenstadt. Kräftig schritt ich aus.
Vereinzelt zwitscherten Vögel in den Bäumen, doch ich begegnete nur wenigen Spaziergängern. Die Wege waren menschenleer. Ob es am ungemütlichen Wetter lag oder daran, dass Borussia Dortmund spielte?

Als ich mich der Möllerstraße näherte, vernahm ich Stimmen. Vor meinem Pfarrhaus stand eine Gruppe von Jugendlichen. Durch ihre schwarz-gelben Schals waren sie als Borussenfans erkennbar.
»Wie ist es ausgegangen, Manni?«, wandte ich mich an den Einzigen aus der Runde, den ich kannte. »Sieg!«, rief Manni begeistert. »Vier-zwei gegen Nürnberg! Dieses Mal holen wir den Pokal!«
»Klar, nach der Pleite im letzten Jahr sollte es jetzt klappen!« »Borussia hat in letzter Zeit immer gewonnen. Vor allem gegen Schalke.« Manni verzog das Gesicht. »Nur nicht gegen den Meidericher SV.« Einer seiner Kumpel spuckte aus.
»Pah. Wer ist schon der Meidericher SV? Borussia wird Meister!« »Borussia wird Meister«, wiederholten die Umstehenden im Chor, allesamt etwa in Mannis Alter und in dem unbeholfenen Entwicklungsstadium zwischen Junge und Mann. Einer ragte heraus. Er war größer, kräftiger und vermutlich auch älter. Ich schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Mannis Vater, Herr Jankewicz, stand mit zwei weiteren Männern ein Stück entfernt. Sie hielten Bierflaschen in der Hand.
»Warst du mit deinem Vater im Stadion?«, fragte ich Manni.
»Nee«, antwortete er. »Wir sind lange vor dem Spiel hin. Da gibt es nämlich einen Trick. Wenn man früh genug da ist, lassen sie einen umsonst rein.«
Manni kickte bei den Amateuren und träumte davon, später sein Idol Wosab im Sturm zu ersetzen. »War ein tolles Spiel«, fuhr er fort.
»Gleich am Anfang ein Treffer von Emmerich. Dann das Zwei-Null von Konietzka!« »Aber dann hat der FC Nürnberg in der zweiten Halbzeit aufgeholt, zwei-zwei!«, ergänzte einer seiner Kumpel. »War am Schluss wirklich knapp. Drei-zwei für Dortmund in der zweiundsiebzigsten Minute! Und dann noch mal Konietzka in der fünfundsiebzigsten Minute …«
»Ende gut, alles gut«, fasste ich zusammen. »Jau! – Borussia wird Meister!«, skandierte Manni erneut. »Borussia wird Meister!« Dieses Mal antworteten auch die erwachsenen Männer. An ihren undeutlichen Stimmen erkannte ich, dass das Bier in ihrer Hand nicht das erste an diesem Nachmittag war. Oh weh, dachte ich, das riecht nach Ärger. Und ich würde ihn hautnah mitbekommen, denn die Familie Jankewicz bewohnte seit einigen Wochen das untere Stockwerk im Pfarrhaus. In diesem Augenblick erklangen die Kirchenglocken. Sie läuteten das Osterfest ein.

»Rosi«, sagte ich später am Telefon zu meiner Amtsschwester, die gleichzeitig meine Freundin und Vertraute war, »die Jankewicz’ unten streiten schon wieder.«
Ich hörte eine dunkle Stimme, die im Verlauf der Auseinandersetzung anschwoll, und eine helle, weinerlich klingende, die sich höher und höher schraubte.